Kapitel 3: Das Kernargument

Das erste Axiom, auf dem das Kernargument dieses Buches aufbaut, ist die Evolutionstheorie. Alle heute auf der Welt existierenden Lebewesen sind das Produkt von 3 Mrd. Jahren Evolution und natürlicher Selektion. Organismen sind durch diesen Prozess programmiert, zu überleben und Kopien ihrer Gene zu produzieren. Nebst der Anforderung, selbst nicht zu sterben und dem Bedürfnis sich fortzupflanzen, ist einer der zentralen Effekte dieses Prozesses, dass alle Lebewesen eine sehr stark ausgeprägte Tendenz zur Energieoptimierung haben. Wer dasselbe Ziel mit weniger Energieaufwand erreichen kann hat einen klaren evolutionären Vorteil, denn Nahrung ist immer knapp.

[Eine funktionierende Zivilisation ist die spektakuläre Ausnahme dieser Regel, aber was die 3 Mrd Jahre Evolution angeht haben diese paar Jahrhunderte keinen spürbaren Effekt. Der Drang zur Energieoptimierung ist allen Lebewesen biologisch einprogrammiert.]

 

Diese Tendenz zur Energieoptimierung führt dazu, dass alle Lebewesen immer den Weg des geringsten Widerstandes einschlagen. Der eine oder andere aufmerksame Leser wird diese Aussage nun vermutlich in Frage stellen. Vielleicht wurde er sogar selbst von seinen Eltern regelmässig ermahnt, gerade nicht den Weg des geringsten Widerstandes zu wählen. Was die Eltern jedoch hiermit gemeint haben ist nicht, dass er Energie verschwenden solle, sondern dass es ein langfristiges Ziel gibt, das den Energieaufwand in der Gegenwart rechtfertigt. Wenn Eltern z.B. sagen, dass man in seiner Ausbildung nicht den Weg des geringsten Widerstandes nehmen soll, dann meinen sie damit, dass man später irgendwann effektiv etwas begehrtes wird produzieren können müssen, wenn man nicht in all seinen Wünschen frustriert werden will. Der Energieaufwand in der Ausbildung ist also sinnvoll, da er für ein essenzielles Ziel notwendig ist. Niemand würde aber empfehlen, man solle, wenn man zu einem Termin eilt, absichtlich einen Umweg nehmen, oder, wenn man Hunger hat, absichtlich zu viel Pasta kochen und anschliessend die Hälfte schlecht werden lassen. In diesem Sinne sollte man sehr wohl den Weg des geringsten Widerstandes wählen. Der Menschen ist das einzige Tier, dass ein Bewusstsein der Zukunft hat, und deshalb spielen auch zukünftige Ziele in seine heutigen Überlegungen eine Rolle. Dies ändert aber nichts an der Tatsache, dass er jedes seiner Ziele so effizient wie möglich zu erreichen versucht.

 

Das Bewusstsein der Zukunft wird durch Leid geschärft, denn Leid quält den Menschen, lässt ihn nie in Ruhe, und in der ständigen Anstrengung, einen Ausweg aus dem Leid zu finden, trainiert er sein Bewusstsein auf höhere und höhere Stufen, denkt weiter und weiter voraus, sucht breitere und verästeltere Kausalitätsbäume nach Lösungen ab. Oft scheitert er trotzdem, aber manchmal gelingt es ihm in der Verzweiflung einen Ausweg aus seiner Situation zu finden, ein neues Verhaltensmuster zu entwickeln, und so aus dem primitiven Zustand in den Zivilisierten emporzuschnellen (vgl. Toinbee). Es stimmt also, was diverse religiöse Schriften und Philosophen schon lange sagen, dass Leid die unausweichliche Bedingung für Bewusstsein und Entwicklung ist. Leid ist der Stachel, der die Veränderung antreibt. Warum sollte ich auch etwas ändern, wenn doch alles bereits gut ist?

 

Die mindestens ebenso grosse Tragödie ist, dass Wohlbefinden das Bewusstsein abstumpft. Sobald es den Menschen nur noch gut geht, und sie sich daran gewöhnt haben, dass sie immer alles haben was sie wünschen, beginnt sich ihr Bewusstsein zurückzuentwickeln und sie denken immer nur noch kürzer und kürzer voraus. Die ihnen eingebaute Tendenz zur Energieoptimierung beginnt genau die Fakultät wegzuoptimieren, die für das Erreichen dieses Zustands des Wohlbefindens verantwortlich war. Kurzfristiges Denken führt dazu, dass die Pfeiler der Zivilisation nicht mehr instand gehalten werden, und dass die Zivilisation somit irgendwann wieder zusammenbricht.

 

Durch Leid geschärftes Bewusstsein ist also der Schlüssel zum Aufstieg, die Tendenz zur Energieoptimierung der Grund für den Zerfall von Zivilisationen.

 

Das Kernargument etwas Ausgeführt

Leben Menschen in kleinen Gruppen unter schweren Bedingungen, so realisiert jeder sofort, dass er für sich selbst eine bessere Chance zum Überleben und Fortpflanzen hat, wenn sie alle als Gruppe zusammenhalten: Wilde Tiere, feindliche Stämme, Krankheiten, und Dürre können besser gemeistert werden, wenn man die Hilfe von anderen hat, und sollte man selbst sterben, so würde die Gruppe die eigenen Kinder grossziehen, und man hätte doch Kopien seiner Gene hinterlassen. Wäre man aber ohne die Gruppe mit seinen Kindern alleine in der Welt, so würde weder man selbst noch die Kinder lange überleben. Das Überleben der Gruppe hat daher für das Individuum eine höhere Priorität als das eigene Überleben, und Menschen sind daher willig, sich selbst für die Gemeinschaft aufzuopfern. Obwohl dies die grösstmögliche Energieaufwendung darstellt, zu der ein Mensch überhaupt fähig ist, ist sie eben notwendig, um das oberste Ziel (das Überleben der eigenen Kinder) sicherzustellen. Die Not zwingt die Menschen also, über den eigenen Tod hinauszudenken, und sich selbst zu opfern, damit ihre Kinder vielleicht ein etwas besseres Leben haben können.

 

Gelingt es nun einer Gruppe von Menschen, aus diesem primitiven Zustand zu entfliehen und eine Zivilisation zu begründen, so ändert sich ihre Umwelt komplett. Durch die Arbeitsteilung und die Kontrolle der Natur entsteht Überfluss. Es gibt immer genügend Essen zu kaufen, und Feinde und wilde Tiere gibt es weit und breit keine mehr. Da die Energieaufwendung, die all dies dem einzelnen abverlangt, durch die Effizienz der Organisation so klein wurde, hat er nun viel freigewordene Leistungskapazität, die er sodann für die Optimierung seines eigenen Erlebens einsetzt. Sind die Lüste und Gelüste auch noch befriedigt, so wird er faul und tut nichts mehr. Ohne Anstrengung atrophieren die Muskeln und das Bewusstsein, und bald kann er auch nicht mehr mehr leisten. So werden die Menschen faul, fett, und dekadent.

 

Dieser Prozess geschieht nicht von heute auf morgen, sondern im Verlauf mehrere Generationen. Um diese Tatsache zu erklären müssen wir nun das zweite biologische Axiom einführen. Die meisten Tiere sind durch die Evolution extrem an ihre Umgebung angepasst. Man denke nur an Antilopen, Steinböcke, Stabheuschrecken, Sandrochen, Eichhörnchen, Polar- und Wüstenfüchse, etc. Der Mensch ist in dieser Hinsicht fundamental anders: Menschen sind nicht an eine bestimmte schmale ökologische Nische angepasst. Menschen leben in der Arktis, im Regenwald, in der Wüste, in harscher Steppe, auf Hochplateaus, und auf kleinen Inseln im Meer. Obwohl eine gewisse biologische Anpassung mit der Zeit durchaus erfolgt (Hautfarbe, Höhentoleranz, Immunsystem...) können Menschen innerhalb einer Generation lernen, in einer komplett anderen Umgebung zu leben. Dies ist so, weil das Menschliche Gehirn bei der Geburt noch nicht fertig ausgebildet ist. Jeder Mensch nimmt im Kindesalter Informationen über seine Umwelt auf und erlernt Verhaltensmuster, die an die spezifische Umwelt angepasst sind, in die er geboren wurde. So sind Menschen extrem anpassungsfähig, was für sie einen enormen evolutionären Vorteil darstellt.

 

Die in der Kindheit angelernten Verhaltensmuster werden in der Jugend noch einmal relativ stark angepasst, im frühen Erwachsenenalter noch ein bisschen, und dann gar nicht mehr. Dies ist der Grund, dass die oben beschriebene gesellschaftliche Veränderung ein paar Generationen dauert. Wer in seiner Kindheit und Jugend gelernt hat, sparsam, fleissig, und opferbereit zu sein, der wird diese Gewohnheit auch im Alter meistens nicht ablegen, auch wenn er nun deutlich mehr materiellen Wohlstand besitzt. Wer aber in grossen materiellen Wohlstand geboren wurde, der wird mit grosser Wahrscheinlichkeit verschwenderisch und bequem werden, und dies auch bleiben, bis die harte Realität ihn vielleicht eines Tages zu anderem Verhalten zwingt. Je mehr Wohlstand eine Zivilisation also produziert, umso dekadenter wird sie ein oder zwei Generationen später werden. Sobald die letzten fleissigen und opferbereiten Menschen altersbedingt gestorben sind, existiert überhaupt niemand mehr, der sich noch an Armut, Knappheit, Hunger, und Not erinnern kann. Ab diesem Zeitpunkt wird die Gefahr eines Zusammenbruchs der Gesellschaft immanent. Historische Bildung könnte diese Gefahr zwar abwenden, aber die historische Bildung wird zu diesem Zeitpunkt oftmals ebenfalls bereits vernachlässigt oder beschönigt. - ''Warum sollen wir uns auch ständig mit so düsteren unangenehmen Themen befassen? Das Leben ist doch schön und uns allen gehts gut! Diese schlimmen Dinge gehören alle der Vergangenheit an, sowas kann heute gar nicht mehr geschehen.'' - Wer nie erlebt hat, dass Dinge schlecht gegangen sind, der wird auch nicht bereit sein, sich für eine Absicherung gegen unwahrscheinliche Gefahren besonders anzustrengen. Durch die Dekadenz wird die Sicherheitsmarge einer Gesellschaft also immer kleiner. Die Menschen tun gerade noch das, was sie für die unmittelbare Aufrechterhaltung ihres angenehmen Lebens tun müssen. Gleichzeitig verlieren sie jegliche Selbstachtung, Sinngefühl, und letztendlich sogar die Lust, diese abstossende Gesellschaft überhaupt zu erhalten. Unbewusst sehen sie sich bereits nach dem Kollaps, nach dem reinigenden Feuer oder der befreienden Flut, die den ganzen Dreck wegspülen wird, und die Not wieder zurückbringt, so dass sie wieder einen wirklich starken Grund haben, etwas sinnvolles zu tun.

 

Irgendwann kommt dann eine unerwartete Krise oder Katastrophe, und die dekadente Gesellschaft zerbricht daran. Durch die sehr ausgeprägte Arbeitsteilung zieht ein Einbruch in einem Wirtschaftsbereich einen Zusammenbruch in allen Bereichen nach sich. Das ausgeklügelte System der Nahrungsproduktion und Kontrolle der Natur bricht zusammen, grosse Teile der Bevölkerung sterben. Die Überlebenden finden sich am Ende im primitiven Anfangszustand wieder, in dem Nahrung knapp ist und Menschen notgedrungen in kleinen Gruppen kooperieren müssen, um zu überleben. Der Zyklus beginnt wieder von vorne.

 

Im nächsten Kapitel werde ich nun den Zyklus in noch feinerer Detailtiefe beschreiben. Ich werde dabei versuchen, die einzelnen Wirkmechanismen herauszuarbeiten: Wie genau führt Reichtum zu einem Zerfall der Sitten, warum folgt der Intellektualismus dem Zeitalter des Kommerz und nicht umgekehrt, usw. Dabei werde ich auch versuchen, die Argumente an geeigneter Stelle mit Beispielen zu untermauern.

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